Ausreichend

Wie kann sie ihr Leid begreifen, wie ernst nehmen, wenn es so viele Menschen gibt denen es schlimmer geht? Warum stellt sie sich so viele Fragen und sich selbst in Frage, weil andere immer noch leben und so viel mehr Leid ertragen? Und sie will nicht mehr, scheitert an sich, an ihrem Leben, an den Ansprüchen die sie hat. Scheitert am Gehen, beim Fallen, beim Aufstehen, weitergehen, liegenbleiben.

Wie viel ist gut genug und wann ist weniger genug? Sie will doch gar nicht perfekt sein, nur gut, nur ausreichend. Aber wann ist sie sich ausreichend genug? Was muss sie schaffen, damit es ihr reicht? Will sie zu viel, zu viel in zu kurzer Zeit mit zu wenig Kraft? Hat sie zu viel Angst, Angst vor dem Leben, den Dingen, vor sich selbst und ihrem eigenen Mut? Angst vor den Menschen, schlecht zu sein, verkehrt zu sein, unerwünscht? Wie lernt sie, dass Fehler machen und stolpern dazugehört, zum Leben, zum Gehen. Und wie glaubt sie das, wenn sie es doch schon lange weiß?

Warum verfolgt diese Dunkelheit sie schon so lange? So lange, dass sie sich nicht vorstellen kann ohne sie zu sein. Es war nicht immer dunkel, nicht immer so erdrückend, das Leben, aber sie war immer da. Der Nebel war manchmal ein wenig dünner und dann ertrank sie wieder darin. Bekam keine Luft mehr in diesem dichten Nebel. Das Gefühl, zu ertrinken, zu erfrieren. Kein Mensch konnte sie davon befreien.

Der Schmerz war immer da. Die Dunkelheit. Die Last. Die Masken die sie schuf um sich zu schützen, um irgendwie zu funktionieren in einer Welt, in der man funktionieren musste. Wie aussteigen? Wie den Vorwürfen trotzen? Wie die Ängste ertragen, dass alles zusammenbricht? Wenn sie doch sowieso schon auf Trümmern steht. Wie konnte sie trotz all dem immer noch Hoffnung haben? Egal wie sehr sie gehen wollte. Egal wie aussichtslos sich alles anfühlte.

Auch wenn sie nicht mehr weiß wofür sie lebt, warum sie jeden Tag wieder aufsteht, wofür sie kämpfen sollte, wenn sie am liebsten einfach liegen bleiben möchte. Es fällt ihr so schwer das Schöne noch wahrzunehmen, dass sie immer gerettet hat. Die Hoffnung ist immer noch da. Sie bleibt. Wie groß muss der Schmerz sein, die Last, dass auch diese letzte Hoffnung, dieser letzte Schimmer erlischt?

Warum will sie manchmal so sehr einfach gehen, verschwinden aus dieser Welt? Warum hat sie so viel Angst vor dem Leben, dass ihr das Gehen einfacherer erscheint. Aber manchmal will sie bleiben. In dieser Welt. Aber sie hat Angst. Und sie weiß nicht, wie sie es aushalten soll. Sich selbst, die Menschen, die Aufgaben, das Leben. Wie das tun was sich richtig anfühlt.

Wie soll sie mit Vorwürfen umgehen, weil sie nicht funktioniert und nicht so funktionieren will, wie viele Menschen? Zumindest hier, in diesem Land. Wie soll sie umgehen mit der Kritik, wenn sie nicht die Leistung erbringt, die andere erwarten? Wenn sie sich ihr Leben lang eingeredet hat, nur einen Wert zu haben, wenn sie etwas gutes tut, etwas leistet, ihren Beitrag zur Gesellschaft beiträgt?

Denn nur dann ist sie etwas Wert. Wenn sie krank ist, muss sie schnell gesund werden um weiter zu arbeiten. Um Geld zu verdienen, dass gerade zum Überleben reicht. Sie will leben, lieben, fühlen, spüren, sein, Dinge tun, die sie glücklich machen und zufrieden. Sie will kreativ sein und sich ab und zu in der Dunkelheit verlieren, in dem dichten Nebel verlaufen. Denn auch das ist doch leben. Schmerzen fühlen, leiden. Nicht immer zu funktionieren, weil wir verdammt noch mal keine Maschinen sind. Und weil verdammt noch mal niemand weniger Wert ist.

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