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Gedanken

Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 3 – Andy Feind

Bloggen über psychische Probleme

Gedanken und Beweggründe für das Bloggen über psychische Probleme

Und da ist auch schon der dritte Teil meiner kleinen Interview-Serie über das öffentliche Schreiben über psychische Probleme. Schön, dass Ihr mitmacht! Das freut mich sehr. 🙂 Die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen ist immer noch ein Problem. Das öffentliche Schreiben über psychische Probleme ist in meinen Augen ein wichtiger Bestandteil für mehr Offenheit und Verständnis – und gegen Verurteilungen. Und oft hilft es sogar den Betroffenen selbst, sich damit nicht mehr zu verstecken.

Andy Feind lebt aufgrund eines Schicksalsschlages seit Ende 2001 mit Depressionen. 2016 kam die Diagnose „Dysthymie“ hinzu. Chronische Depressionen. Er entschied sich dafür, ein Buch zu schreiben, welches den Titel „Gedankengewitter“ trägt. In diesem Buch verarbeitet er Vergangenes, erzählt aus dem Leben mit Depressionen und räumt schonungslos mit Stigmata auf. Das Buch soll in den kommenden Monaten erscheinen. Außerdem plant er Vorträge, Lesungen und Dialogveranstaltungen um von der Krankheit zu erzählen und Vorurteile abzubauen.

Portrait Andy Feind

1. Warum hast Du Dich dazu entschlossen öffentlich über Deine Probleme/Gefühle/Gedanken zu schreiben und zu reden? Was war der ausschlaggebende Grund dafür?
Ich war Anfang 2016 in einer Tagesklinik und habe dort mehrfach gehört, dass die Mitpatienten es sehr bemerkenswert fanden, dass ich so offen über meine Erkrankung sprechen kann. Und da ich sowieso den Gedanken hatte mein Buch, welches ich 2009 bereits mit ganzen dreizehn Seiten begonnen habe, fortzusetzen und zu veröffentlichen, habe ich mir gedacht, dass ich dann auch öffentlich darüber sprechen kann. Ich möchte denen, die sich nicht vorstellen können, wie es ist, diese Erkrankung zu haben, erklären, wie sie sich anfühlt. Warum man manchmal eben nicht so kann, wie man will und warum oft der Suizid als einziger Ausweg erscheint.

Ich möchte den Menschen zeigen, dass man mit einer psychischen Erkrankung alles Andere als alleine ist. Denn #wirsindviele. Das steht fest. Und es gibt noch viel zu viele Vorurteile in Bezug auf psychische Erkrankungen.

2. Hast Du Dir Gedanken darüber gemacht, wer das Lesen oder hören könnte und was das für Dich bedeutet?
Ich habe 2016 mein „Outing“ öffentlich gemacht, in dem ich ein YouTube-Video mit dem Titel „Wäre mein Kopf aus Glas“ veröffentlichte. Sicher machte ich mir Gedanken, was wohl passiert, wenn mein Umfeld dieses Video sieht, insbesondere, weil ich es auch auf meinem persönlichen Facebook-Feed erwähnt habe. Aber ich habe es einfach gemacht und mich von den Gedanken und Zweifeln nicht beirren lassen. Denn einerseits wollte ich den Leuten klarmachen, wie es mir geht und andererseits wollte ich zeigen, dass ich da eben eine Krankheit habe. Männer gestehen sich vermeintliche Schwächen sowieso ungern ein, also wollte ich es tun. Um meinem Umfeld zu zeigen, dass man auch mit Depressionen prima leben kann. An den einen Tagen besser und an den anderen Tagen schlechter. Aber man kann. Und darum geht’s.

 

Wir atmen, wir lachen, wir gehen unter Menschen… nur oft hinter einer Maske.

 

3. Warum würdest Du diese Entscheidung öffentlich über psychische Probleme zu schreiben und zu reden immer wieder treffen?
Weil es so unsagbar wichtig ist, darüber zu sprechen. Brücken zwischen den Betroffenen und den Nicht-Betroffenen zu bauen und Vorurteile zu vernichten. Frische Luft, Schokolade und Urlaub heilen eine Depression eben nicht, wie viele tatsächlich glauben. Ich habe es versucht. Aber die Depression reist mit, geht mit nach draußen und freut sich über Schokolade in etwa so sehr, wie mein Bauchumfang. Diese Dinge können die Beschwerden ein wenig lindern, aber eine Depression ist eben behandlungsbedürftig. Und wir Betroffenen sind auch nicht verrückt, nur traurig oder sitzen apathisch in dunklen Ecken. Wir atmen, wir lachen, wir gehen unter Menschen… nur oft hinter einer Maske. Weil es so schwer ist, diese unter all den Stigmata fallen zu lassen und sich zu offenbaren. Wer will schon als verrückt gelten?

Fakt ist: Ich würde es immer wieder tun und ich freue mich auf viele Gespräche und Veranstaltungen, bei denen ich darüber sprechen darf.

4. Was ist passiert nachdem Du damit begonnen hast? Für Dich persönlich oder/und auch von außen? Wie waren die Reaktionen, das Feedback?
Das Feedback war durchweg positiv. Viele offenbarten sich mir, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie auch „straucheln“. Das hat mich darin bestätigt, dass es richtig war, dieses Video und Beiträge zu veröffentlichen. 

Andere erbaten sich einen Rat oder sagten mir, wie mutig es von mir sei, öffentlich darüber zu sprechen oder Bilder von mir auf meinem Instagram-Feed (@seelenkontrast) zu veröffentlichen, auf denen es mir offensichtlich nicht gut geht. Ich konnte viele neue und intensive Kontakte knüpfen, auch wenn ich einige Kontakte dadurch verloren habe. Gründe wurden mir dafür nie genannt – es hat sich einfach irgendwann im Sand verlaufen.

5. Hilft es Dir darüber zu schreiben und zu reden, die Dinge in Worte zu fassen?
Meistens. Nicht immer. Aber allein das Schreiben meines Buches hat mir so viel gebracht. Ich habe mich mit mir, mit meiner Vergangenheit, mit Fehlentscheidungen und mit meiner Erkrankung so stark auseinandergesetzt. Ich habe den Tod meines Vaters neu durchlebt und dadurch verarbeiten können. Das kann man schon als eine Art Selbsttherapie sehen. Allerdings wusste meine Therapeutin immer Bescheid, was ich schreibe und sprach mit mir darüber. Ich kann gefühlt von Tag zu Tag besser über meine Erkrankung, meine Gedanken und meine Bedürfnisse sprechen. Nur an manchen Tagen geht es eben nicht. Da hilft das Schreiben nicht. Da hilft das Reden nicht. Da hilft nur Grübeln und Alleinsein. Aber die Zeiträume haben sich drastisch verkürzt. Kam ich früher teilweise wochenlang nicht aus dem Bett, so sind es mittlerweile nur wenige Tage, bis ich wieder bereit für das Leben bin. Insofern ist das schon ein deutlicher Fortschritt, den ich dem „Drübersprechen“ beimesse.

 

Ich möchte in einer Welt leben, in der kranke Menschen nicht stigmatisiert werden.

 

6. Warum glaubst Du, sollten noch mehr Menschen den Mut dazu aufbringen?
Weil es irre wichtig ist. Jeder kennt mittlerweile irgendjemanden, der von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Sei es als Angehöriger oder als Erkrankter. Und da so viele Menschen damit zu kämpfen haben, ist es nur logisch, dass die Gesellschaft endlich einsehen muss, dass diese Erkrankungen keine Charakterschwäche oder ähnliches ist. Es sind Krankheiten, die man behandeln kann. Ich möchte in einer Welt leben, in der kranke Menschen nicht stigmatisiert werden. In der niemand als Faulpelz oder Simulant abgestempelt wird, nur weil er oder sie an einer Krankheit leidet, die man eben nicht sehen kann. Erkrankte Menschen nehmen sich oftmals das Leben, weil sie nicht das Gefühl haben, dass irgendwer sie versteht. Vielleicht ließen sich einige Selbstmorde dadurch verhindern, dass mehr Akzeptanz herrscht.

Jeder kann etwas dazu beitragen. Und wenn sich jemand dazu entscheidet, darüber zu sprechen und er verändert oder korrigiert nur die Ansichten eines einzelnen Menschen, dann hat es sich schon gelohnt.

7. Was ist Dein Ziel, was willst Du damit bewirken? Für Dich oder auch andere?
Aufklären. Wie ich mich fühle, wenn ich einen schlechten Tag habe. Warum ich an solchen Tagen nicht zur Arbeit gehen kann, obwohl ich eigentlich will. Warum ich nicht einkaufen gehen kann, wenn ich etwas zu essen brauche. Warum Medikamente sinnvoll sein können und weshalb ich gelegentlich Suizidgedanken habe, weil ich an manchen Tagen mit mir und meinem Leben nicht klarkomme. Und weil ich damit eben nicht alleine bin. Ich möchte, dass sich niemand alleine fühlen muss, der an einer psychischen Erkrankung leidet. Denn die Krankheit redet einem das sehr stark ein. Man darf es nur nicht glauben.

8. Was ist Dir wichtig in dem Zusammenhang, was willst Du noch dazu sagen?
Unterstützt Euch gegenseitig, hört zu, seid füreinander da und bleibt empathisch. Achtet auf Euch und Eure Bedürfnisse.
Diese Welt ist schon schlecht genug. Erst recht für jemanden, der tagtäglich einen Kampf mit sich selbst führt.

Vielen Dank Andy, dass Du Dir die Zeit genommen hast meine Fragen so ausführlich zu beantworten! 🙂

Hier findet Ihr die anderen Teile der Interview-Serie über den öffentlichen Umgang mit psychischen Problemen:
Teil 1 mit Herr Bock
Teil 2 mit Annika Moon


Für alle Betroffenen:
Falls Ihr Hilfe braucht findet Ihr hier ein paar Infos.

Nummer der Telefonseelsorge:
0800-111-0-111 oder 0800-111-0-222

 

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Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 2 – Annika Moon Unbeweglich | Bilder am Meer

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2 Kommentare

  • Reply Luisa

    Toller Artikel! Ich sehe das genauso und gehe deswegen auch sehr offen mit dem Thema um. Mich freut es ungemein, wenn andere Leute das auch tun. 🙂

    5. Mai 2018 at 18:57
    • Reply Johanna

      Vielen Dank! Ja, das ist sehr wichtig finde ich. Seit ich offener, auch über meine Gefühle, rede erlebe ich nur positive Rückmeldungen. Das sollte viel selbstverständlicher werden. Ohne „abgestempelt“ zu werden.

      7. Mai 2018 at 6:22

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