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Gedanken

Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 4 – Bella von Filling your mind

Kornblumen an Kornfeld

Gedanken und Beweggründe für das Bloggen über psychische Probleme

Nun folgt der 4. Teil meiner Serie zum Thema psychische Probleme und den öffentlichen Umgang damit. Denn es ist nach wie vor wichtig darüber aufzuklären und offener damit umzugehen um Vorurteilen und Stigmatisierungen zu entgegnen.

Ich danke Bella sehr, dass Sie sich so viel Zeit genommen hat meine Fragen ausführlichst zu beantworten!

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Ich bin Bella – knackige 28 Jahre alt und seit sechs Jahren Bloggerin mit Herz und Seele. Ich arbeite seit neun Jahren als freie Journalistin und Fotografin. Auf meinem Blog möchte ich die meiste Zeit vorrangig zeigen, dass die vegane Ernährung vielseitiger ist als so manch einer vielleicht denken mag. Seit einigen Wochen befasse ich mich aber auch auf allen Kanälen mehr mit persönlichen Dingen wie Selbstliebe und dem Kampf gegen Depressionen. Mein Weg ist in den meisten dieser Dinge wohl noch recht lang, aber ich nehme meine Leser gerne mit auf diese Reise!

1.Warum hast Du Dich entschlossen öffentlich über Deine Erkrankung und Deine Gefühle und Gedanken dazu zu schreiben und zu reden? Was war ausschlaggebend dafür?
In meinem privaten Umfeld traf ich immer häufiger auf Fremde – darunter auch Menschen, die selbst von Depressionen geplagt werden – und stieß sehr häufig auf Unverständnis und Vorurteile. Ja, auch von Betroffenen. Jeder Mensch hat eine eigene Wahrnehmung und so wirken sich Depressionen bei jedem anders aus. Sie haben unterschiedliche Ursachen, Wirkungen und Heilmöglichkeiten. Nachdem mir zuletzt jemand sagte, dass ich ja gar keine Depressionen haben könnte, so glücklich, wie ich immer auf Instagram wirke, fasste ich den Entschluss endlich darüber zu reden. Es ist okay und völlig normal, dass Menschen mit Depressionen nicht immer nur weinen, pessimistisch oder griesgrämig sind. Um das an die Welt zu tragen habe ich mich dazu entschieden, meine Reichweite dafür zu nutzen aufzuklären.

Zeitgleich erreichten mich […] aber wieder eine Hand voll Nachrichten von Menschen, die mir sagten, dass ich ihnen Kraft gäbe dadurch, dass ich zu meiner depressiven Seite stehe.

2. War es schwer diesen Entschluss zu fassen?
Definitiv! Ich habe lange mit mir allein gekämpft und dann den Entschluss eher spontan gefasst. Die meisten Menschen, die mich verfolgen schreiben mir oft, dass sie darüber nie öffentlich reden könnten. Ich konnte das auch knapp 15 Jahre lang nicht, aber am Ende gehören die Depressionen eben zu mir. Letztens sagte mir jemand, dass ich sie niemals als Teil von mir ansehen darf – dass dieser Umgang damit falsch sei. Diese Ferndiagnosen nerven enorm und geben dem Entschluss einen bitteren Beigeschmack. Ich bekomme neben den vielen positiven Nachrichten auch wirklich viele negative. Das lässt mich oft zweifeln, ob es so gut ist sich in der Öffentlichkeit so angreifbar zu machen.

3. Hast Du Dir Gedanken darüber gemacht, wer das Lesen könnte und was das für Dich bedeutet?
Das tue ich jeden Tag aufs Neue. Bald mache ich mich selbstständig – da kann es natürlich passieren, dass potentielle Kunden meinen Laden meiden, weil er von „einer psychisch Kranken“ geleitet wird. Am Ende sind Depressionen aber mittlerweile ja leider fast schon nichts Besonderes mehr – und das obwohl sie so vielen noch fremd sind. Erst gestern schrieb mir ein Mensch, an dem mir echt was liegt, dass eine Dame ihn auf meine Stories aufmerksam gemacht hätte – in dieser weinte ich und sagte, dass es völlig okay sei auch mal schwach zu sein, egal wie glücklich man eigentlich ist oder sein sollte. Letzteres wies natürlich auf diesen Menschen hin, dies sagte die Dame ihm aber nicht. Mit dieser Halb-Wahrheit versuchte sie einen Keil zwischen uns zu treiben. Glücklicherweise ohne Erfolg! Mit den richtigen Menschen an der Seite lässt sich sowas problemlos im Keim ersticken – in solchen Momenten zweifle ich dennoch enorm. Zeitgleich erreichten mich aufgrund dieser Story aber wieder eine Hand voll Nachrichten von Menschen, die mir sagten, dass ich ihnen Kraft gäbe dadurch, dass ich zu meiner depressiven Seite stehe. DAS ist für mich viel wertvoller und bewegender, als all der Gegenwind, den Neider sähen können.

Wenn ich am Ende durch das was ich tue auch nur einem Menschen da draußen klar mache, dass er/sie nicht allein ist, habe ich meinen Sinn als Blogger erfüllt.

4. Warum würdest Du diese Entscheidung öffentlich über psychische Erkrankungen zu schreiben und zu reden immer wieder treffen?
Ich helfe damit Menschen. Vor allem jungen Menschen, die denken sie seien allein mit ihrem Schicksal. Wenn ich am Ende durch das was ich tue auch nur einem Menschen da draußen klar mache, dass er/sie nicht allein ist, habe ich meinen Sinn als Blogger erfüllt. Ich liefere den meisten meiner Leser einen Mehrwert – sei es nun, weil sie selbst betroffen sind oder weil sie jemanden mit Depressionen kennen und ihn so vielleicht besser verstehen, ohne nachbohren zu müssen.

5. Was ist passiert nachdem Du damit begonnen hast? Für Dich persönlich oder/und auch von außen? Wie waren die Reaktionen, das Feedback?
Ich fühlte mich befreit. Der große Artikel darüber steht noch an, aber auch einfach beiläufig aus meinem Alltag berichten zu können, ohne zu verschweigen, dass es mir schlecht geht, tut unendlich gut! Gerade in der heutigen Zeit ist auf Instagram und Co. Alles immer Friede-Freude-Eierkuchen und die Menschen sehen nur, was sie sehen sollen. Die meisten Menschen stehen dort nicht zu den weniger schönen Dingen im Leben. Freunde von mir realisierten zum ersten Mal, dass ich seit meiner frühen Jugend an Depressionen erkrankt bin und redeten mit mir über ihre – das war für unsere Freundschaften ein neuer, zugegeben schwerer, aber auch sehr schöner Schritt. Mich erreichten wie zuvor erwähnt unglaublich viele persönliche Nachrichten mit Danksagungen – eine kam sogar per handschriftlichem Brief. Viele dankten mir dafür, dass ich darauf aufmerksam mache und berichteten mir von ihren Wahrnehmungen, andere waren nicht betroffen und dankten mir trotzdem, weil ich ihnen in gewisser Weise die Augen öffnete. Etwa 25% der Nachrichten sind negativ, aber ich versuche mich nicht lang darüber aufzuregen oder daran hochzuschaukeln.

Ich war immer schon ein Schreiberling und mir die Sachen von der Seele zu schreiben hilft enorm.

6. Hilft es Dir darüber zu schreiben oder zu reden, die Dinge in Worte zu fassen?
Geredet habe ich vorher nur mit meiner Therapeutin. Selbst vor meiner eigenen Mutter konnte ich meine Depressionen über 13 Jahre verstecken – für mich persönlich verbessert das darüber schreiben meinen Zustand meist ungemein. Ich war immer schon ein Schreiberling und mir die Sachen von der Seele zu schreiben hilft enorm. Wenn ich dadurch am Ende mit anderen Menschen in Kontakt komme und diesen sogar irgendwie helfen kann, macht es das Ganze nur noch besser.

7. Warum glaubst Du, sollten noch mehr Menschen den Mut dazu aufbringen?
Ich glaube nicht, dass jeder Mensch dafür gemacht ist. Man braucht aufgrund der negativen Dinge, die oftmals als Feedback kommen, ein wirkliches dickes Fell – das haben nicht alle, die mit ihrem inneren Dämon eh schon genug zu kämpfen haben. Als ich anfing über meine Depressionen zu sprechen hat es mich schockiert, wie wenig Menschen unterm Strich überhaupt darüber Bescheid wissen und das obwohl etwa die Hälfte der Menschheit darunter leidet. Die meisten denken immer noch sie wären ab und an Mal schlecht drauf oder wären einfach generell eher ein pessimistisch-melancholischer Mensch. Ich denke, wenn mehr Menschen darüber berichten würden, würde sich einiges in den Köpfen bewegen und ändern. Die allzeit fröhliche Mutti von nebenan oder der Vorstand der Bank – alle können betroffen sein und wenn das mehr verbalisiert werden würden, wären damit Vorurteile endlich etwas geschwächt.

Viel zu viele Menschen mit Depressionen denken noch immer, dass es niemanden gibt, der sie versteht.

8. Was ist Dein Ziel, was willst Du damit bewirken?
Ich möchte das tun, was ich mit meinem Blog schon seit über 6 Jahren mit dem Veganismus versuche – ich möchte aufklären, aber auf eine freundliche Art. Indem ich von meinen eigenen Erfahrungen (und bald auch von denen anderer Menschen) berichte und auch deutlich mache, dass Depressionen zwar 24/7 vorhanden, aber nicht immer sichtbar sind. Davon ab möchte ich anderen Leidensgenoss.innen zeigen, dass sie nicht allein sind. Viel zu viele Menschen mit Depressionen denken noch immer, dass es niemanden gibt, der sie versteht. Es hilft manchmal auch schon, wenn man diese Wahrnehmung ändert oder ändern kann.

9. Was ist Dir wichtig in dem Zusammenhang, was willst Du noch dazu sagen?
Sucht euch Hilfe! Das richtet sich natürlich größtenteils an andere Betroffene. Niemand schafft es das mit sich allein aus zu machen, auch wenn die meisten sich das lange Zeit selbst einreden. Das habe ich auch. Natürlich hat jeder seinen eigenen Weg damit fertig zu werden und das ist auch vollkommen okay. Wer diesen Kräfte zehrenden Dämon aber längerfristig los werden möchte, braucht einfach Unterstützung auf dem Weg. Sei es nun erstmal einfach nur durch Freunde oder aber effektiv durch therapeutischen Beistand. Das kostet nichts und man muss sich dafür auch nicht schämen! Und allen Menschen, die nicht wissen wie sich Depressionen anfühlen möchte ich ans Herz legen, sich doch bitte geschlossen zu halten. Selbst ich schreibe nur über MEINE Wahrnehmung und würde mir niemals das Recht raus nehmen Diagnosen über andere Menschen in den Raum zu werfen oder gar zu sagen, dass sie keine Depressionen haben oder „sich nicht so anstellen sollen“. Ihr wisst nicht wieso jemand betroffen ist. Ihr wisst nicht wie sich der akute Zustand für jemanden anfühlt. Und vor allem wisst ihr nicht, was das beste für diesen Jemand wäre. Ja, ihr meint es gut – mit unwissenden oder unerfahrenen Ratschlägen, die ihr euch via Google holt und durch leeren Phrasen (oft aus Mitleid, gerne aber auch genervt und voller Unverständnis) schlagt ihr nur Furchen, die ihr nicht wieder füllen könnt.

 

Die anderen Teile dieser Serie findet Ihr hier:
In Teil 1 berichtet Herr Bock von seinem Umgang mit der Depression
In Teil 2 erzählt Annika Moon wie sie mit ihrer psychischen Erkrankung umgeht
In Teil 3 schreibt Andy Feind über seine Beweggründe mit seiner Depression offen umzugehen


Für alle Betroffenen:
Falls Ihr Hilfe braucht findet Ihr hier ein paar Infos.

Nummer der Telefonseelsorge:
0800-111-0-111 oder 0800-111-0-222

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2 Jahre mit Hund | Erlebnisse, Gedanken

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