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Gedanken

Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 1 – Herr Bock

Kornblume analog

Gedanken und Beweggründe für das Bloggen über psychische Probleme

Heute mal ein etwas anderes Thema, dass mir persönlich aber sehr am Herzen liegt. Wie gerade am Wochenende wieder einmal festgestellt, hatte ich schon immer einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und wenn ich etwas nicht mag, dann sind es Vorurteile gegenüber anderen Menschen. Und „Opfer“ dieser Vorurteile sind zum Beispiel auch Menschen mit psychischen Krankheiten. Dass heutzutage immer mehr Menschen über psychische Probleme sprechen und schreiben ist wichtig, damit das Verständnis für psychische Erkrankungen größer wird. Dass mehr Menschen den Mut haben mit diesen Themen offen umzugehen und die Stigmatisierung von psychischen Krankheiten zu beenden ist auch eins der Ziele von Lena – Freud mich / Freud mich (die nicht ganz unschuldig daran ist, dass ich diese Interview-Serie nun starte). Laut Umfragen glauben nämlich viele Menschen, dass man z.B. mit Schokolade oder Urlaub Depressionen oder andere psychische Erkrankungen heilen kann.

Daher habe ich meine Idee, kleine Interviews zu dem Thema zu machen, kurzerhand umgesetzt und freue mich Euch nun bereits das erste Interview mit Herr Bock, selbsternannter Depressionist, zeigen zu können. Auf seinem Blog verbockt.com schreibt er über sein Leben, seine Depressionen und seine Gedanken. Außerhalb des Internets ist er auch für Lesungen und Vorträge unterwegs.

Portrait Herr Bock

1. Warum hast Du Dich dazu entschlossen öffentlich über Deine Probleme/Gefühle/Gedanken zu schreiben? Was war der ausschlaggebende Grund dafür?
Als ich mit meinem Blog angefangen habe, war das noch mit einem Pseudonym. Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken in die Welt schreien zu müssen und wollte dabei aber noch versteckt bleiben. Vor allem sollten aber Freunde und Bekannte wissen, was mit mir los ist. Ich hatte keine Lust mehr auf Ausreden bei Terminen oder irgendwelche fadenscheinigen Erfindungen, warum ich gerade nicht kann. Dadurch hatten sie die Chance, alles mitzubekommen.

 

Wenn ich nicht schreiben mag, mache ich das auch nicht.

 

2. War es schwer den ersten Beitrag zu veröffentlichen? Wie ist es mit jedem neuen Beitrag?
Nein. Schwer war es nicht. Ich war ja für mich noch „versteckt“. Die Überlegung, ob ich meinen richtigen Namen einsetze, war dann schon schwerer. Aber das Veröffentlichen generell ist keine Hürde für mich. Ich schreibe die Dinge für mich auf, nicht für andere, auch wenn das oft so aussehen mag. Ich weiß, dass eine Menge Menschen von meinen Inhalten profitieren und ich das ausspreche, was sie denken, aber ich liefere keine Inhalte. Wenn ich nicht schreiben mag, mache ich das auch nicht.

3. Fällt es Dir manchmal schwerer einen Beitrag zu veröffentlichen? Überarbeitest Du manche Beiträge öfter als andere?
Nein. Im Gegenteil. Der Großteil ist runtergeschrieben und direkt veröffentlicht. Ich schreibe weder vor, noch lasse ich Korrektur lesen. Ich plane auch keine Beiträge. Das, was ich veröffentliche, ist auch immer ein aktuelles Thema bei mir. Im Nachhinein korrigiere ich dann nochmal kleine Fehler, aber nicht die Inhalte.

4. Hast Du Dir Gedanken darüber gemacht, wer das Lesen könnte und was das für Dich bedeutet?
Ja, na klar. Wer macht sich diese Gedanken nicht? Gerade, wenn ich das mit meinem Klarnamen mache, kann ich mich jetzt nicht mehr verstecken. Dennoch war die Entscheidung für mich vollkommen richtig, weil ich so ehrlicher damit umgehen kann. Auch anderen gegenüber. Das Ganze ist ein Teil von mir, den ich nicht verheimlichen möchte. Zumal er mir auch beim Leben hilft.

 

Außerdem muss irgendwer ja über die Thematik reden, damit das Stigma kleiner wird – vor allem bei Männern.

 

5. Warum würdest Du diese Entscheidung öffentlich über psychische Probleme zu schreiben immer wieder treffen?
Bei mir war es die Rettung. Keine Versteckspiele mehr, keine Lügen mehr und jede Menge Sachen, die ich lernen durfte. Die Nachrichten, Mails, Kommentare, Fragen und so weiter, haben auch für mich einen extremen Mehrwert, weil ich mich mit Menschen austauschen kann, denen es ähnlich oder genauso ergangen ist. Mittlerweile weiß ich auch, dass mein Schreiben anderen eine Stütze ist. Sei es, dass sie dem Partner zeigen können, wie sie selbst sind und der mehr erfährt, oder oder oder. Außerdem muss irgendwer ja über die Thematik reden, damit das Stigma kleiner wird – vor allem bei Männern. Ich sehe mich ungern in dieser Rolle, aber ich trage die Aufgabe mit.

6. Was ist passiert nachdem Du damit begonnen hast? Für Dich persönlich oder/und auch von außen? Wie waren die Reaktionen, das Feedback?
Mir ist ein unheimlicher Stein von den Schultern gefallen: „Endlich kein Verstecken mehr.“ Meine Freunde waren mehr dankbar, als das sie geschockt waren. Die waren zwar schon vorher informiert, aber das ist nochmal eine andere Situation gewesen. Generell ist das Feedback in den 5 Jahren nicht schlecht gewesen. Sicher gab es kritische Fragen, ob ich das wirklich alles so ins Netz schreiben muss, aber ja, muss ich. Für mich gibt es da keine Zweifel. Nur nochmal, ob ich das weitermachen kann, wenn mein Sohn da ist, oder ob wir ihn schützen. Er wird unweigerlich damit verbunden sein. Wir haben gemeinsam entschieden, dass es gut ist, so wie es ist.

7. Hilft es Dir darüber zu schreiben, die Dinge in Worte zu fassen?

Ja, auf jeden Fall. Nicht alles landet im Internet, aber vieles. Kurze Gedanken bei Twitter, längeres im Blog oder bei instagram. Es ist ein Kanal für mich, die Last im Kopf zu verteilen. Manche Dinge bleiben aber auch zu Hause in einem Notizbuch. Schreiben ist die größte Waffe geworden, um den Dingen Herr zu werden.

 

Solange mir jemand sagt, ich solle mich nicht so anstellen, solange müssen wir da raus und darüber reden.

 

8. Warum glaubst Du, sollten noch mehr Menschen den Mut dazu aufbringen?
Es wird schon viel in der Öffentlichkeit gesprochen und die Medien zeigen es nicht mehr diffarmierend, aber es braucht eben noch mehr Menschen, weil das Thema „normaler“ werden muss und nicht spießbürgerlich abgetan werden darf. Solange mir jemand sagt, ich solle mich nicht so anstellen, solange müssen wir da raus und darüber reden. Die Krankheit ist im Kern gleich, aber viele Menschen haben so unterschiedliche Geschichten, Erlebnisse, Empfindungen und Erfahrungen, dass wir das einfach zeigen müssen.

9. Was ist Dein Ziel, was willst Du damit bewirken? Für Dich oder auch andere?
Mittlerweile anderen eine Hand reichen. Ich weiß, dass bei Leseabenden nicht nur Betroffene da sind. Auch Angehörige, Partner, Fachleute. Ich möchte damit Mut machen, sensibilisieren, an die Hand nehmen, Wege zeigen und anderen die Chance geben, dass ich das ausspreche, was sie selbst nicht sagen können.

10. Was ist Dir wichtig in dem Zusammenhang, was willst Du noch dazu sagen?
Passt da draußen auf euch auf. Niemand muss offen reden, aber er darf es. Respektiert euch, nehmt euch die Zeit zum Zuhören und schickt nicht immer nur Nachrichten. Seid wieder etwas achtsamer mit euren Mitmenschen.

Vielen Dank Markus, dass Du sofort bereit warst und mir so fix meine Fragen beantwortet hast! 🙂

Hier findet Ihr die nächsten Interviews über psychische Probleme und deren öffentlichen Umgang im Internet:
Annikas Sicht auf den öffentlichen Umgang mit psychischen Problemen

Schaut doch auch mal hier vorbei: Mutmachleute – Das Projekt zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten


Für alle Betroffenen:
Falls Ihr Hilfe braucht findet Ihr hier ein paar Infos.

Nummer der Telefonseelsorge:
0800-111-0-111 oder 0800-111-0-222

 

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6 Kommentare

  • Reply Kaddi

    Tolle Idee!
    Könnte man ne Parade draus machen, nicht? Gab’s bestimmt schon mal, aber ich wär‘ dabei!

    29. März 2018 at 17:00
    • Reply Johanna

      Danke! Ein zweiter Teil dieser Serie kommt nächste Woche, ein dritter ist auch geplant. Gerne kannst Du auch daran teilnehmen, wenn Du magst! Ich kenne mich in der Bloggerszene in der Richtung noch nicht so aus, aber je mehr mitmachen, desto besser. 🙂

      29. März 2018 at 21:57
  • Reply Leben und umzu - Bloggen über psychische Probleme - warum Du es auch tun solltest | Teil 2

    […] Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 1 – Herr Bock […]

    5. April 2018 at 6:41
  • Reply Kaddi

    Ich hab nun dank deiner Seite die Mutmachleute gefunden und mich da auch direkt beworben. Da wird demnächst wohl mein Beitrag online gehen 🙂
    Ich beschäftige mich auf meinem Blog eben selbst auch hauptsächlich mit psychischen Erkrankungen und deren (Ent-)Stigmatisierungen. 🙂

    7. April 2018 at 13:00
  • Reply Leben und umzu - Warum Du über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 3

    […] Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 1 – Herr Bock […]

    12. April 2018 at 9:28
  • Reply Leben und umzu - Bloggen über psychische Probleme | Bella von Filling you mind

    […] Warum Du auch über psychische Probleme bloggen solltest | Teil 1 – Herr Bock […]

    1. Juni 2018 at 7:33
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